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Sushi mit ganz kleinem Restrisiko

Wildschweinfleisch aus Süddeutschland ist häufig radioaktiv belastet. Nicht wegen Fukushima 2011, sondern wegen Tschernobyl 1986. Und die Strahlenbelastung des Meerwassers vor Japan liegt 10-millionenfach über dem Grenzwert. Aber nein: Tags drauf wurde die Meldung als Fehler bezeichnet, die Strahlenbelastung betrage nur das 100.000-fache des Grenzwerts. Na, dann ist noch mal alles gut gegangen. Dann hat Sushi doch nur ein ganz kleines Restrisiko. Für wir blöd hält man uns eigentlich?

Der Mensch berechnet “größte anzunehmende Unfälle”, doch die Unfälle kommen dann doch noch schlimmer als schlimmstmöglich anzunehmen war. Die Atomkraft-Befürworter von gestern lernen heute die neue Botschaft: Raus aus nicht kalkulierbaren Risiken! Raus aus den Hochrisiko-Technologien! Raus aus der Atomkraft! Und vorausschauend kann man diesem Appell hinzufügen: Raus aus der Gentechnologie, denn wir wollen die größtmöglichen Unfälle hier gar nicht erst abwarten.

Die Zukunft der Energiewirtschaft wie der Nahrungsmittelwirtschaft hat einen gemeinsamen Nenner und der heißt: Regionalisierung und Personalisierung. Wo in regionalen Kreisläufen Lebensmittel produziert werden oder Energie gewonnen wird, werden auch Risiken minimiert. Und in regionalen Kreisläufen gilt stärker als in den arbeitsteiligen globalen Märkten das Prinzip der persönlichen Verantwortung von mittelständischen Unternehmen - egal, ob Sie nun Fleisch oder Energie produzieren.

Blöde Bionade-Kunden

Bionade, das war mal “das Getränk einer besseren Welt”. Da war nicht nur Bio drin, die Brause transportierte auch Glaubensbekenntnisse, etwa gegen Atomkraft oder gegen Gentechnik.

Das Sponsoring des Herstellers passte zu den vielen ökologischen und alternativen Absichten der Limotrinker. Wir wissen: Genau so wird eine Marke gemacht! So entsteht Profil. Doch jetzt kommt Dr. Oetker und kauft Bionade. Offensichtlich finden die Oetker-Manager die Bionaden-Kunden ziemlich blöd. Jedenfalls kappten die Oetker-Leute jetzt das Sponsoring für die Öko-Projekte. Nichts mehr mit Gratis-Limo für die Treckerfahrer auf Demonstrationen in Gorleben oder Berlin. Künftig will der Lebensmittelkonzern lieber auf Gesundheit und so setzen. Der gute Rat: Wer seine Kunden blöd findet, sollte auch lieber nicht versuchen, ihnen etwas zu verkaufen!

Klasse aber, wie gut “Markt” funktioniert: Schon stellen die anderen Öko-Brausehersteller heraus, dass sie nach wie vor mit Wort und Tat und Geld auch die Überzeugungen ihrer Kunden teilen. So gibt etwa die Öko-Brauerei Neumarkter Lammsbräu jährlich 10.000 Euro Preisgeld für Innovationen im Ökolandbau. Und der Bräu selbst, Franz Ehrnsperger, marschiert beim Anti-Gentechnik-Marsch “Genfrei gehen” selbst mit. Gut gemacht!

Lebensmittelsicherheit und Lebensmittelkontrolle

Sicherheit und Produktionsstrukturen

Sicherheit und Kontrolle von Lebensmitteln hängen stark mit den Strukturen in der Produktion auf allen Ebenen zusammen: Ein immer höheres Maß an Arbeitsteilung schafft zwangsläufig ein höheres Maß an Verantwortungsteilung. Mit zunehmender Arbeitsteilung muss also auch die Kontrolle intensiviert werden. Dezentrale (hier besonders regionale) Vermarktungsstrukturen sind leichter zu kontrollieren und bieten generell geringere Risiken. Zwar können auch hier Fehler auftreten, diese Fehler bleiben aber in ihren Auswirkungen begrenzt

Institutionalisierung und personalisierte Sicherheit

Lebensmittelsicherheit entsteht vor allem durch verantwortungsbewusst arbeitende Menschen. Mehr persönliche Verantwortung - die vor allem in inhabergeführten Betrieben des Lebensmittelhandwerks und in der bäuerlichen Landwirtschaft erkennbar wird - ist eines der wirkungsvollsten Sicherungssysteme in kleingliedrigen Strukturen.

Reale Kontrolle und “Kontrolle der Kontrolle”

Wir verlassen uns zu sehr auf institutionalisierte Sicherungssysteme. In den vergangenen Jahren hat die Lebensmittelüberwachung einen Rückzug auf die “Kontrolle der Kontrolle” angetreten: Die Betriebe werden in stärkerem Maße zu Eigenkontrollen und Dokumentationen verpflichtet.. Die Kontrolleure prüfen zu sehr diese Dokumentationen und zu wenig die realen Betriebe.

Neue Möglichkeiten des Datenzugriffs

Überall dort, wo große Risiken gegeben sind, besteht für Kontrolleure ständiger Datenzugriff auf Waren- und Personenbewegungen. Die heute im industriellen Bereich üblicherweise eingesetzte integrierte Unternehmenssoftware ermöglicht diesen Datenzugriff für die Kontrolleure. Weiterhin könnte diese Möglichkeit auch den Verbrauchern gegeben werden - so könnte ein auf das Produkt bezogener Code dem Endkonsumenten ermöglichen, die Chargen seines Lebensmittels bis zum Bauernhof zurückzuverfolgen

Familienfreundlichkeit und Generationengerechtigkeit

Die beiden Begriffe klingen sehr nach ganz großen Worten, sind aber vor allem in mittleren und kleinen Unternehmen zuhause: Familienfreundlichkeit erlebe ich bei meinen Kunden im Handwerk beispielsweise durch:

·         Beschäftigungs- und Karrierechancen für Frauen

·         Hohe Rückkehrquote von Frauen nach der Babypause

·         Unbürokratische Lösungen, wenn eine Arbeitnehmerin eine Betreuung für das Kind braucht

·         In vielen Familienbetrieben sind er und sie, also ganze (Ehe-)Paare beschäftigt.  Generationengerechtigkeit erkennen wir in der handwerklichen Lebens- und Wirtschaftsweise durch:

·         Altersgemischte Teams, in denen die älteren Mitarbeiter/innen eine ihrer Lebens- und Berufserfahrung angemessene Position einnehmen.

·         Gute Chancen zur beruflichen Neuerfindung (Fleischerei-Fachverkäuferin macht Zusatzqualifikation zur Ernährungsberaterin).

·         Hohes Maß an gemeinschaftlichem Arbeiten und Solidarität unter den Kolleginnen und Kollegen.

·         „Familienunternehmen“, in denen das „Familienoberhaupt“ eine Verantwortung empfindet, die weit über die des bloßen Arbeitgebers hinausgeht.    

Es wurden wirklich gute Anfänge gemacht. Gleichermaßen müssen wir in den Disziplinen Familienfreundlichkeit und Generationengerechtigkeit noch besser werden. Ganz aktuell startet hier der Landesinnungsverband Baden-Württemberg des Fleischerhandwerks zusammen mit der BWHM (Beratungsgesellschaft des Baden-Württembergischen Handwerkstages) eine viel versprechende Initiative (www.fleischerverbandbw.de). Als Vordenker für die Umsetzung von Generationengerechtigkeit darf das Roman Herzog Institut gelten (www.romanherzoginstitut.de) und in Sachen Familienfreundliches Unternehmen gibt das dafür zuständige Bundesministerium nutzbringende Informationen heraus (www.bmfsfj.de). Wenn Sie selbst Erfahrungen mit der Umsetzung von Maßnahmen für Mütter und ältere Mitarbeiter/innen gemacht haben, teilen Sie mir diese doch mit! Denn: Nichts überzeugt mehr als erfolgreiche Praxisbeispiele!

Wohnortnahe Standorte wieder im Kommen

“Wir sehen im Lebensmittelhandel erste Anzeichen für eine Renaissance des Einzelstandorts in Großstädten beziehungsweise in hoch verdichteten Wohngebieten”, so kommentiert Dr. Eberhard Stegner, GfK Einzelhandelsexperte, im Newsletter im der GfK-Geomarketing aus Nürnberg von heute. Rewe zeigt mit “Rewe City” wie der fußläufig erreichbare kleine Supermarkt der Zukunft aussieht und Tengelmann will in die gleiche Richtung marschieren.

Diese Nachricht ist der Vorbote für die Wiedergeburt der klassischen Metzger- und Bäckerstandorte in den Wohngebieten. Dabei könnten die Unternehmen des Lebensmittelhandwerks gemeinsam auch die Nahversorgerfunktion übernehmen, welche die Handelskonzerne jetzt wieder für sich entdecken.

Die Entwicklung ist nur logisch: Immer weniger können oder wollen mit dem Auto zum Einkaufen fahren. Der beginnende Wandel im Bereich privater Mobilität fördert die wohnortnahen Standorte. Für die Planung eines solchen Standortes fordert die GfK, dass in einem Radius von fünf bis acht Gehminuten zwischen 690 und 3150 Menschen leben sollten. Die Kunden dieser traditionellen Standorte sind schließlich fußläufige “Taschenkunden” - und damit ist das Einzugsgebiet eines solchen Standortes auch eng begrenzt.